Eine Entgegnung auf Professor Hoeren: “Unternehmen haben auf Facebook nichts zu suchen…

…; denn ihre Geschäftsinteressen beißen sich regelmäßig mit den Besonderheiten des Web 2.0 und den dort gängigen interaktiv-privaten Umgangswünschen.”

Diesen und andere denkwürdige Sätze durfte ich direkt nach meinem (fantastischen!) Urlaub aufgrund des Hinweises von den Kollegen Henning Krieg (@kriegsrecht) und Johann Zöttl (@Kartellblog) im Deutschen AnwaltSpiegel 12/2011 vom 15. Juni 2011 unter dem Titel “Facebook & Co. Risiken für Unternehmen und Privatnutzer” von Prof. Dr. Thomas Hoeren lesen. Der Artikel beschäftigt sich auf zwei Seiten mit bekannten Problemen bei Facebook für deren Nutzer: Impressumspflicht, Gegendarstellungspflicht, Social Media Guidelines, Bildern und Personensuchmaschinen, den Personalern, die auf Facebook mitlesen, sowie den Datenschutzbedingungen von Facebook. Geschenkt, dass wohl aus Platzgründen die benannten rechtlichen und faktischen Probleme nur in aller Kürze angerissen wurden. Hierzu möchte ich auch gar nicht im Einzelnen erwidern.

Allerdings hat mich die im AnwaltSpiegel getroffenene harsche Conclusio doch derart bestürzt, dass mir beinahe die Urlaubsbräune aus dem Gesicht gefallen wäre, denn das Fazit des hochgeachteten Professors lautet:

“Der Rat des Juristen kann nur sein, Facebook zu meiden. Unternehmen haben dort nichts zu suchen; denn ihre Geschäftsinteressen beißen sich regelmäßig mit den Besonderheiten des Web2.0 und den dort gängigen interaktiv-privaten Umgangswünschen.”

Nggggg. Nee, genau. Und deswegen nutzen immer mehr Unternehmen, sowohl aus Gründen des klassischen Marketings als auch des Employer Brandings erfolgreich die gesamte Klaviatur des Web 2.0: Coporate-Sites, Blogs, Twitter und – Facebook. Unter diesen Firmen, die nach Hoeren mit ihren expliziten Social Media Teams vorgeblich ihren eigenen Geschäftsinteressen zuwider handeln, sind bl0ß solche wie die Deutsche Telekom, Bertelsmann, Tchibo oder die Deutsche Bahn. Selbst im B-2-B Bereich wird Facebook (mittelbar) erfolgreich eingesetzt, wie die Krones AG beweist. Die vorgenannten sowie etliche andere Unternehmen betreiben ihr Social Media Engagement sicher nicht, um schlicht mit der Mode zu gehen (hierfür stellt keine Geschäftsführung und kein Vorstand mehr Budget bereit), sondern weil Social Media ein nicht mehr wegzudenkender wichtiger Kommunikationskanal ist. Und hierzu gehört auch Facebook. Diese Unternehmen wollen den Kontakt mit den Kunden, den zukünftigen Arbeitnehmern. Und sie können Facebook nicht ignorieren. Facebook ist derzeit DAS soziale Netzwerk, in dem sich die Menschen bewegen (auch wenn es aktuell sehr gerne auf’s Totenbett geschrieben wird). Hier wird interagiert, eine Empfehlung abgegeben, sich informiert und kritisiert. Denn ebenso wie die Firmen wünschen sich potentielle Bewerber und Kunden die Möglichkeit der direkten Kommunikation und Information. Selbst wenn die Unternehmen also nicht richtig wollten, sie müssen sich dieser Kommunikationsform stellen. Schon Paul Watzlawick stellte fest, man kann nicht nicht kommunizieren. In Zeiten, in denen die reine Sender-Empfänger-Kommunikation vorbei ist, gilt dies erst recht! (Wer sich weiter inhaltlich mit der faktischen Thematik befassen will, dem sei unter anderem die Wollmilchsau, der Recrutainment-Blog, Saatkorn oder aber der PR-Blogger empfohlen.)

Sicher, Facebook ist rechtlich als äußerst schwierig einzuordnen. Auch ich habe mich schon in so einigen Artikeln hier in diesem Blog mit den zahlreichen Problem auseinandergesetzt. Und auch beginne ich Mandantengespräche und Vorträge in Bezug auf Facebook zumeist mit den Worten: “Aus rein rechtlicher Sicht müsste ich Ihnen schlicht raten, Facebook nicht zu benutzen.” Doch was nützt dem Mandanten ein juristischer Rat, der für ihn persönlich keine fünf Pfennige wert ist, da er ihn faktisch kaum befolgen kann und auch nicht befolgen will? Denn nochmal: Die Unternehmen kommen derzeit an Facebook nicht vorbei und sie wollen auch in der Regel nicht daran vorbeikommen. Sie wollen Facebook für sich nutzen. Also bedarf es der Aufklärung. Nicht mehr und nicht weniger. Wie sehen die AGB von Facebook aus? Sind sie überhaupt gültig? Was passiert mit eingestellten Inhalten? Obliege ich der Impressumspflicht, wie fülle ich diese aus? Was ist mit den Datenschutzbestimmungen? Bin ich für Inhalte Dritter, die auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht werden, verantwortlich? Wie sehen die Risiken aus? Was kann ich tun, um die Risiken für mein Unternehmen klein zu halten? (Nichts anderes gilt im Übrigen für private Nutzer, Augen auf beim Facebook-Gebrauch.)

Also, weder kann der juristische Rat eines Anwalts in sinnvollerweise lauten “Vergiss Facebook”, noch widersprechen sich Facebook als Kommunikationsplattform und die Geschäftsinteressen der Unternehmen. Anders hingegen die AGB und Datenschutzbestimmungen von Facebook; dies ist für die Unternehmen allerdings ein wichtiger Unterschied und nur sie selbst können nach einer entsprechend differenzierten Risikoaufklärung entscheiden, in welchem Umfang und auf welche Art und Weise sie Facebook sowie die anderen Web 2.0 Kanäle für sich nutzen wollen.

In aller Offenheit und bei allem Respekt: Hätte irgendjemand das obige Zitat erbracht, nach dem Facebook aus juristischer Sicht zu meiden sei und zu dem den Geschäftsinteressen von Unternehmen ohnehin widerspreche, hätte ich vermutlich mit den Achseln gezuckt und gedacht, wieder einmal jemand der es (noch) nicht besser einschätzen kann. Dass allerdings Prof. Dr. Hoeren, der renommierter Professor für Medien- und Informationsrecht an Universität Münster ist, sich daneben unter anderem als Mitherausgeber der Zeitschrift “Multimedia und Recht” betätigt  sowie regelmäßig  das viel beachtete “Skriptum Internet-Recht” kostenlos zum Download zur Verfügung stellt, eine solche der Wirklichkeit diametral entgegenstehenstehende und abolute Aussage trifft, finde ich – schade. Zum einen ist Prof. Hoeren schlicht ein vielbeachteter Rechtsexperte und schürt damit die Ängste so mancher Unternehmen, die auf eine offene Kommunikation insbesondere hinsichtlich des Personalmarketings dringend angewiesen wären, in unnötiger Weise. Zum anderen wirkt es leider so, als sei das Vorurteil des Elfenbeinturms, in dem sich Professoren bewegen, leider doch keines….

In diesem Sinne,

ich bin zurück aus dem Urlaub.

49 Gedanken zu „Eine Entgegnung auf Professor Hoeren: “Unternehmen haben auf Facebook nichts zu suchen…

  1. @radirks

    Richtig. Der Beitrag hat bei uns heute auch Kopfschütteln verursacht. Der praktische Nutzen des Rats “des Juristen” geht hier gegen Null.

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  2. Sean Kollak

    An dem hier zitierten Fazit von Prof. Hoeren gibt es doch nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Er hat recht, wenn er sagt, dass die Dialogwünsche im Social Web für viele traditionell geprägte Unternehmen ein großes Wagnis darstellen. Meine Meinung dazu habe ich hier ausgelegt: http://conception-blog.com/gruende-gegen-ein-facebook-engagement-von-b2b-unternehmen/2011/
    Sicher ist Aufklärung und Umdenken notwendig, statt Verängstigung. Aber das ist ein langsamer Prozess – und den sollte man nicht mit einer Fanpage bei Facebook beginnen.

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    1. Social Media Recht

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und den Hinweis auf Ihren Blogartikel. Ich weiß nicht, ob Sie den gesamten Artikel von Herr Prof. Hoeren gelesen haben. Er sagt dort jedenfalls nicht – so wie Sie es in Ihrem Artikel tun -, dass ein Engagement auf Facebook mit der gebotenen Sorgfalt und Strategie, sondern gar nicht erfolgen sollte. Wie dargelegt, stimme ich dieser Aussage ebenso wenig zu, wie der, dass ein rechtlicher Rat für solche Unternehmen nur lauten könne, auf Facebook zu verzichten.

      Mit den besten Grüßen
      ND

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  5. Lars

    Den großen Unterschied zwischen “Der Rat des Juristen kann nur sein, Facebook zu meiden.” und “Aus rein rechtlicher Sicht müsste ich Ihnen schlicht raten, Facebook nicht zu benutzen.” kann ich jetzt nicht so wirklich erkennen.

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  6. JanP

    Aufmerksamkeit ist in unserer Ökonomie eines der knappsten und wertvollsten Güter. Ist FB, das die Macht hat, derart viel Aufmerksamkeit zu binden, deshalb automatisch mächtig?
    Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage liefert die Tatsache, dass in der Regel keine CEOs in Facebook oder LinkedIn zu finden sind. Es sind typische Medien für Menschen an der Peripherie, für Ich-AGs, die sich zu Markte tragen, Jugendliche, die mit ihren Freunden digital „abhängen“.

    In der Web-2.0-Welt fällt die Netzwerkrendite an die Netzwerkunternehmer. Sie aggregieren
    die Daten ihrer Millionen Nutzer. Jene, die die Daten bereitstellen und die offenkundig ihr Kommunikations-verhalten beobachten lassen, haben keinen Anteil an der Netzwerkrendite.
    Facebook & Co. sollen nicht helfen, die Anwender reich zu machen. Es ist umgekehrt:
    Die „User“ sind der Input, sie sind das Tool, das Facebook und all den anderen Datensammlern und Datenverwertern hilft, selbst eine Netzwerkrendite zu erwirtschaften. Es gilt der Grundsatz:
    Wenn dir ein Produkt gratis angeboten wird, dann bist du als Kunde in der Regel selbst das Produkt.

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    1. Social Media Recht

      Vielen Dank auf für Ihren Kommentar. Ihre Annahme geht jedoch fehl. Die CEOs und Geschäftsführer sind wie viele meiner Freunde, Bekannte und Geschäftspartner auf FB mit ihren privaten Profilen nicht zu sehen, da sie diese unter Verschluss halten. Zu dem verhält es sich oft so, dass man sich so viel beruflich im Netz bewegt, dass eine private FB-Seite ohnehin kaum genutzt wird. Darauf jedoch zu schließen, dass FB insgesamt für Unternehmen nicht zu gebrauchen sei, sondern allenfalls für Ich-AGs und Selbstdarsteller ist angesichts der vielen erfolgreichen Unternehmensseiten schlicht falsch. Übrigens, der Personalvorstand von McDonalds meldet sich zwar nicht allzuregelmäßig via FB, hat aber mit http://www.employerbranding-blog.de/ seinen eigenen Blog, auf dem er sich zu seinen Themen, aber auch teilweise sehr persönlich (s. Beitrag vom 10.06.2011) äußert. Der Saatkorn-Blog wird von Gero Hesse, ehemaliger Senior Vice President Human Resources von Bertelsmann, jetzt Geschäftsleitung der Medienfabrik (Mediaagentur v. Bertelsmann) betrieben – Gero hören Sie auf der Saatkorn-FB-Seite sehr regelmäßig, und sollten Sie ihn gar privat kennen, dann wissen Sie ja, wie er sich auf FB privat verhält. Bei Bedarf finden Sie zahlreiche weiterer solcher Beispiele. Unbestritten gibt es dazu auf der anderen Seite Menschen, die auf FB “abhängen”, wie Sie es beschreiben. Und dabei sich informieren, kommunizieren und auch kritisieren.

      Zur Netzwerk-Rendite: Ja, dieses Problem besteht grundsätzlich. Aber a) hat der User, wie Sie selbst schreiben, das auch in seiner eigenen Hand. Und b) möchte ich an dieser Stelle auf meine letzte Kommentar-Anwort verweisen: Erfolgreiche SoMe-Kommunikation ist nicht durch das Einsammeln von Nutzerdaten und dem verschicken von Werbebriefchen gemacht. Diese Zeiten werden (sind?) über kurz oder lang vorbei. Dazu sehr schön, dieser Artikel: http://www.welt.de/print/welt_kompakt/webwelt/article13434401/Vertrauen-ist-die-Waehrung-im-Netz.html mit Meinung von Prof. Dr. Dirk Heckmann.

      Beste Grüße
      ND

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  7. Hans Bonfigt

    Darf ich das einmal aus technischer Sicht hinterfragen ?

    Gesetzgeber und ständige Rechtsprechung halten schon das Speichern von IP-Adressen für problematisch,
    was technisch großer Humbug ist, weil es keine sichere oder auch nur eindeutige Zuordnung zwischen
    Nutzer und Adresse gibt. “Google Analytics” auf einer Webseite zu verwenden, gilt als Abmahnungsgrund,
    weil die IP-Adresse des Nutzers an Dritte weitergegeben wird.

    Mit “Facebook” und anderen Unterschichtseiten ist es weitaus schlimmer: Hier werden unter Zuhilfenahme
    von “Cookies” Nutzeridentität und abgerufene Inhalte korreliert, in der klaren Absicht, die so gewonnenen
    Profile an Werbetreibende zu verkaufen. Dies entspricht einer “Vorratsdatenspeicherung”, die alles in den
    Schatten stellt, was Schily und Schäuble gegen das Fernmeldegeheimnis positioniert haben.

    Mir scheint der Rat, auf “Facebook” zu verzichten, ein wohlüberlegter – und als Techniker stecke ich “Twitter”,
    “Facebook” und jede Menge *adfarm* – Krams gleich in einen globalen Filter – so man mich läßt.

    Wenn Sie einige “große” Firmen benennen, die “Facebook” ‘nutzen’: Wie erfolgreich sind die denn ?
    Da haben Sie ‘mal mindestens zwei Musterbeispiele für veritable Mißwirtschaft dabei.

    Ich warte ja sehnsüchtig darauf, daß eine Abmahnung gegen beispielsweise “Spiegel Online” erfolgt wegen
    unzulässiger Speicherung von IP-Adressen, denn schon beim Aufruf eines Artikel sorgt die eingebettete
    “Facebook” – Referenz für die oben erwähnte Korrelation und Datenweitergabe.
    Was für “google analytics” recht ist, sollte für “Facebook” billig sein.

    Gruß, Hans Bonfigt

    Antworten
    1. Social Media Recht

      Sehr geehrter Herr Bonfigt,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, was die Problematik der personenbezogenen, gespeicherten Nutzungsprofile betrifft – wie Sie verschiedenen Artikeln in diesem Blog entnehmen können. Auch ist der Facebook-Like-Button keinesfalls unproblematisch. Das heißt aber eben nicht, dass FB als Instrument insgesamt und absolut zu verteufeln ist. Es ist eben keine Lösung zu sagen “Ich benutze das nicht!” (wie Aigner es auch medienwirksam versuchte, wenn der Wunsch nach derartigen sozialen Netzwerken doch offensichtlich so groß ist und der Bedarf gedeckt werden will? Meines Erachtens muss a) bei FB in den Nutzungs- und Datenschutzbedingungen nachgebessert werden, aber vor allem auch b) die Medienkompetenz jedes einzelnen gestärkt werden.

      Davon abgesehen, ging es in meinem Beitrag vorwiegend um Unternehmen, die sich auf FB bewegen. Ich kann hier nicht die gesamten Grundlagen der Web 2.0 Kommunikation für Unternehmen darlegen (bitte sehen Sie sich dazu auf den genannten Blogs – auch hinsichtlich der Frage nach erfolgreicher Unternehmenskommunikation via FB und Twitter – um), die entscheidenen Schlagworte dazu lauten jedoch: Authentizität, social Enhancement, Involvement, Steigerung der Markenattraktivität. Schlichtes Daten abgreifen und Werbenewsletter verschicken, stehen bei einer sinnvollen Social Media Kommunikation jedenfalls nicht im Focus. Das erkennen die sich im Web 2.0 und eben auch auf auf FB bewegenden Firmen nach und nach ebenso wie das Faktum, dass das Nachplappern der eigenen Pressemitteilungen auf FB, um zeitgleich mit Stolz auf den weiteren “Kommunikationskanal” zu verweisen, sinnentleert ist.

      Antworten
  8. Thomas Hoeren

    Besten Dank für die Diskussion. Mir geht es mit meiner Facebook-Kritik um zwei Dinge: einmal um einen deutlichen Hinweis auf die juristischen Probleme eines kommerziellen Facebook-Auftritts und (auch in Relation zu diesen Problenen) die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Auftritts. Nicht jedes Unternehmen gehört in Facebook. Warum müssen Volksbanken dort auftauchen oder eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft? Natürlich gibt es facebookaffine Produkte wie Coca-Cola, die über das Web 2.0 evtl. neue Kunden generieren oder zumindest ihr Image unterstützen. Aber bestimmte Sparten sind nicht fürs Web 2.0 gemacht. Und deshalb habe ich Angst vor dem Facebook-Hype, der mich an die Zeiten erinnert, als BMW bei Second Life eine Dependance hatte (kennt jemand noch Second Life).
    Ein schönes Wochenende IHr Thomas Hoeren

    Antworten
    1. Social Media Recht

      Sehr geehrter Herr Prof. Hoeren,

      es sind deutlich Hinweise auf die rechtlichen Probleme bei FB, Twitter & Co zu geben. Absolute Zustimmung. Was aber Ihre Sicht auf die “Sinnhaftigkeit” von Auftritten für die verschiedenen Arten für Unternehmen betrifft, so kann ich diese nicht teilen. Denn die Sinnhaftigkeit des Auftritts beurteilt sich nicht rein unter “Absatzgesichtspunkten” wie sie im produzierenden Gewerbe anzufinden sind, sondern vielmehr unter dem Aspekt der grundsätzlichen Kommunikation und insbesondere der Steigerung von (Arbeitgeber-)Markenattraktivität. Die neu entstandene Zweikanal-Kommunikation eröffnet, gerade im Bereich des Recruitings und des Employer Brandings, insbesondere Unternehmen, die gemeinhin als weniger “sexy” gelten, die Öffnung zu den Bewerbermärkten. So haben gerade Versicherungen und Banken ein großes Imageproblem. Sie gelten als trocken und langweilig. Dies verstärkt das allgemeine Problem an geeignete Bewerber zu gelangen. Die Commerzbank tritt dem mit Hilfe des Web 2.0 und auch FB entgegen. (Übersicht zu SoMe: https://www.commerzbank.de/de/hauptnavigation/karriere/social_media_/social_media.html; Video: http://www.youtube.com/watch?v=LFflVVTBJyI). Gleiches gilt für Unternehmen, die führend in ihrem Bereich sind, aber aufgrund von B-2-B nicht allgemein bekannt sind. Ihrer Ansicht nach hätte ein Unternehmen wie die Krones AG als Maschinenbauer im Web 2.0 und damit auch auf FB (ich sage auch, da FB stets nur ein Teil dieser Kommunikation ist) nichts verloren. Daneben setzen auch Telekommunikationsanbieter wie die Telekom oder o2 setzen auf SoMe Kanäle, um das CRM zu verbessern.

      Eine weitere Problematik (die ich anscheinend nicht deutlich genug gemacht habe, wie ein weiterer Kommentar hier schrieb) ist, dass wenn die Unternehmen nicht in die Kommunikation gehen, dann wird über sie kommuniziert, ob sie wollen oder nicht (aka Shitstorm). Es gibt keine geschlossene Unternehmenskommunikation mehr, die ausschließlich von der PR-Stabsstelle vorgegeben wird und auch so verläuft.

      Eine gänzlich andere Frage ist, ob diese Form der Kommunikation von Seiten der Unternehmen leichtfertig ohne Idee, Strategie und (rechtliche) Risikoaufklärung gemacht werden sollte. Dies ist klar zu verneinen. Denn abgesehen von rechtlichen Problemen, ist die 2.0-Kommunikation nicht einfach und vor allem arbeitsintensiv. So hat bspw. Beiersdorf, ansonsten im HR-Bereich u.a. mit dem Blog http://www.trainee-gefluester.de erfolgreich im Web 2.0 vertreten, keine HR-FB-Seite (anders allerdings das Produkt Nivea). Beiersdorf ist aber auch als Arbeitgebermarke hochgradig bekannt und bereits sehr attraktiv. Unilever ist nicht unbekannt – als Arbeitgeber möchte das Unternehmen jedoch seine Wahrnehmbarkeit noch steigern. Im Rahmen einer umfassenden Employer Brand Kampagne hat es neben der FB-Seite sogar die FB-App “Could it be U?” http://apps.facebook.com/could-it-be-u/?unilever geschaffen (welche man spielen kann, ohne dass Zugriff auf FB-Daten gewährt werden muss.)

      Insoweit stellt sich einfach nicht Frage, ob in sozialen Netzwerken kommuniziert wird, sondern wie und unter welchen Bedingungen. Tja, und ob FB in ein paar Jahren noch da sein wird, oder ob die Nutzer sich einem anderen, vielleicht besseren(?) Netzwerk zuwenden, das weiß auch ich nicht. Aber soziale Netzwerke wie Facebook werden nicht mehr verschwinden. Und sie werden die Beziehung zwischen Kunde/Bewerber und Unternehmen weiter prägen und damit auch die Unternehmen in Ihrer Kommunikationsweise. Also, wie soll damit umgegangen werden? Ich stimme dabei der Auffassung von Prof. Heck zu: Medienkompetenzen bei allen Beteiligten zu stärken und daraus selbstsichere Entscheidungen treffen zu können, ist eine wichtige Seite der Medaille – unabhängig von der Frage, ob die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht auch noch verbessert werden könnten. Denn wie gesagt, verschwinden lassen kann man die “neue” Art der Kommunikation ebensowenig wie Radio, Fernsehen oder das Internet.

      Beste Grüße & auch Ihnen ein schönes Wochenende.

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      1. Jo Diercks

        Zu den umfänglichen SoMe Aktivitäten der Commerzbank, speziell im Kontext der Bildung und Kommunikation einer Arbeitgebermarke / Employer Brand habe ich vor einiger Zeit mal eine Zusammenfassung geschrieben: http://blog.recrutainment.de/2010/07/19/karrierekommunikation-der-commerzbank-im-social-web/

        Und hier liegt auch in der Tat ein großes Mißverständnis vor, wenn man ernsthaft meint, dass SoMe nur etwas zum Abverkauf oder bestenfalls zur Pflege von Produktimages ist. Auch Wirtschaftsprüfungen oder Volksbanken stehen im Wettbewerb um Talente (ich muss hier glaube ich nicht den Begriff “War for Talent” bemühen…) von daher ist es nur konsequent, die genannten Kanäle auch für diesen Zweck einzusetzen. Es ist ja auch ansonsten nicht zu erklären, warum etwa Unternehmen wie BMW oder die Lufthansa ganz explizit Facebook Auftritte für ihre Produktmarken (z.B. http://www.facebook.com/lufthansa) UND ihre Arbeitgebermarken betreiben (http://www.facebook.com/BeLufthansa).

        Bei aller juristischen Sorgfalt. Aus Prinzip auf diese Kanäle zu verzichten, oder sie zumindest auszuprobieren, grenzte an Fahrlässigkeit.

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    2. Jens Ferner

      “die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Auftritts.”

      Die ist inzwischen schnell geklärt: Feedback in sozialen Netzwerken wird zunehmend zum Rankingfaktor für Inhalte der eigenen Seite. Nicht (in sinnvollem Umfang) soziale Netzwerke beim Marketing der eigenen Webseite zu beachten bedeutet, wichtige Faktoren ausser Acht zu lassen. Insofern muss man sicherlich mit der gebotenen Vorsicht und juristischen Beratung seine (Online-)Werbemaßnahmen planen. Aber soziale Netze grundsätzlich als Unternehmen aussen vor zu lassen wird schon sehr bald zum Problem, wenn die anderen Mitbewerber bessere Platzierungen bei Google vorweisen.

      Antworten
  9. Wladimir Simonov

    Ob die Unternehmen wollen oder nicht, aber sie SIND bereits alle bei Facebook. Ob es eine Bäckerei um die Ecke ist, bei der ich mich zum Frühstück via Places einchecke oder ein Weltkonzern, dessen Hotline ich aus lauter Ärger via Statusmeldung verfluche – man kann als Unternehmen dies nicht verhindern. Man kann sich dem nur stellen und den Dialog suchen und das heißt “Social Media”

    Antworten
  10. Jo Diercks

    Dass Facebook quasi Seiten für eine Menge Unternehmen “anbietet”, die selber gar nicht bei Facebook aktiv sind, ja vielfach von diesen Seiten gar nichts wissen, ist auch den meisten schlichtweg unbekannt. Facebook Gemeinschaftsseiten greifen sich hierzu einfach Wikipedia Content und schon ist das Unternehmen bei Facebook, ob es will oder nicht. Ich habe hierzu vor einiger Zeit mal das “Engagement” von jur. Großkanzleien bei Facebook näher unter die Lupe genommen… http://blog.recrutainment.de/2010/08/16/top-kanzleien-bei-facebook-fehlanzeige/

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  11. Meister

    Betrachtet man Facebook und SocialMedia ausschließlich innerhalb der Glasglocke der deutschen Rechtswissenschaft, dann ist die These von Prof. Hören durchaus vertretbar. Ein Datenschutzbeauftragter würde wohl nicht anders argumentieren.

    Das man das als Anwältin oder Anwalt anders sieht, liegt in der Natur der Sache. Wird der Anwalt für ein Unternehmen letztlich die rechtlichen Risiken des Einsatz von SocialMedia-Werkzeugen bewerten, so dass das Unternehmen eine wirtschaftliche Entscheidung pro oder contra treffen wird.

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  12. Alfons

    Ob Facebook für ein Unternehmen sinnvoll ist oder nicht, hängt wesentlich vom Geschäftsmodell ab. Im B2B-Segment (wie z. T. Logistik) hat es kaum einen Nutzen, da sich die Zielgruppen (Unternehmen) nur wenig dort aufhalten bzw. kaum nach solchen Themen recherchieren. Für die Akquise von Azubis hingegen kann es aber Sinn machen. Auch für eventuelle Reaktionsmöglichkeiten bei negativen “Facebook-Meldungen” kommt ein kleines Engagement und das Sammeln von Erfahrungen in Frage.

    Rechtlich ist das ganze Facebook-Thema aber schon relevant, besonders aufgrund der Facebook-Verwicklungen mit den “Behörden” und der Helferfunktion für die Verletzung vieler persönlicher Rechte wie auch der Möglichkeit des Missbrauchs durch Regime. Wenn Facebook-Skandale aufgedeckt werden und Facebook einen Imageschaden erleidet, kann dies daneben auf das Image der dort vertretenen Firma “ausstrahlen”.

    Antworten
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  16. Stephan A. Göbeler

    Das Dilemma: Beide haben “Recht”.
    Rein rechtlich ist die Feststellung, dass sich deutsche Unternehmen von Facebook fernhalten sollten sicher faktisch zutreffend, wie den Ausführungen von Prof. Hoeren zu entnehmen ist.
    Rein wirtschaftlich können eben diese Unternehmen darauf heute und in Zukunft nicht verzichten, wie Frau RA Diercks m.E. richtig feststellt.

    Es geht also im Grunde nicht darum, ob eine dieser Positionen die richtige bzw. die falsche ist. Es geht für die Unternehmen um eine Risikoabwägung bzw. Schadensbegrenzung: Verzicht auf einen (wichtigen) Marketingkanal oder Verzicht auf Rechtssicherheit.
    Beide vertretenen Positionen sind vonnöten, um eine unternehmerisch verantwortliche Entscheidung zu treffen.

    P.S. Wenn im Übrigen in dieser Diskussion von Facebook als eine der “Unterschichtseiten” geschrieben wird, frage ich mich, welchen zweckdienlichen Diskussionsbeitrag diese subtil unterschobene publizistische Formulierung leisten soll …

    Antworten
    1. Social Media Recht

      Hallo,

      scheinbar ist Ihnen entgangen, dass meine Position nicht ist “Unternehmen auf zu Facebook, komme, was da wolle”, sondern dass unternehmerische Aktivitäten dieser Art zum einen einer übergeordneten Strategie bedürfen und zum anderen erst nach einer rechtlichen Risikoaufklärung und -abwägung entfaltet werden sollten. Und insoweit befinde ich mich auch nicht in einer Opposition zu den rechtlichen Ausführungen von Prof. Hoeren. Rechtliche Risiken sind da. Aber die Conclusio von Hoeren ist mE keine Lösung.

      Beste Grüße
      ND

      Antworten
      1. Stephan A. Göbeler

        Hallo Frau Diercks,

        Sie haben insofern Recht, als meine Formulierung missverständlich war: Mit “Beide haben Recht” meinte ich, dass es sowohl legitim und ggf. auch wichtig ist, eine solche Schlussfolgerung zu äußern. Genauso legitim ist, diese als eine Art “Killerphrase” zu stilisieren und zu kritisieren.

        Ich halte einen Warnhinweis auf der Facebook-Verpackung grundsätzlich für angebracht. Wenngleich eine derart formulierte Conclusio von Prof. Hoeren erstmal eher zu Verunsicherung als zur Aufklärung führt. Aber letztlich auch zur Diskussion (was diese hier beweist). Damit dient Sie der kritischen Hinterfragung solcher Web2.0-Plattformen, mit denen insbesondere amerkanische Unternehmen rechtliche Grauzonen in die deutsche bzw. europäische IT-Landschaft malen.

        Eine Lösung ist das Fazit von Prof. Hoeren in diesem Sinne sicher nicht. Aber Sie kann in der reaktiven Diskussion zum bewussten und kompetenten Umgang mit solchen Plattformen und schlussendlich in eine unternehmensspezifische Lösung führen. Dazu bedarf es sowohl einer solch polarisierenden Conclusio, als auch der darauf folgenden Reaktionen.

        Beste Grüße,
        Stephan Göbeler.

        Antworten
  17. Webmarketing

    Interessantes und wichtiges Thema – genauer gesagt eines DER Themen der zukünftigen Wirtschaftskommunikation und -information für die nächsten Zeiten. Umfang, Aufmachung und Struktur des Artikels wird dem leider nicht gerecht. Die dürften Unternehmen vom Web 2.0 eher abschrecken. Ich gebe mal zu bedenken, in der Kürze und Struktur liegt die Würze. Wie wäre es z.B. mit ein paar hervorgehobenen Stichpunkten oder Überschriften?

    Und wo ich das hier schreibe, bin ich mir garnich mal mehr so sehr sicher, ob Facebook tatsächlich das nächste große Ding der Werbung, Promotion usw. ist. Ob Facebook dazu nicht vielleicht viel zu verquasselt ist. Zumal Facebook mit gerademal 22% Mitgliedern unter allen Deutschen ja soo sehr auch noch nicht in der Bevölkerung verbreitet ist. Ich würde bei Facebook-Mitgliedern trotz ihrer relativ großen Zahl immer noch von einer gewissen Netzavantgarde sprechen.
    Die rechtlichen Probleme halte ich dabei für ein eher geringeres Problem, das sich sicher irgendwie lösen läßt. Die Hauptsache bei der Frage von Unternehmen in Facebook ist schlicht die, inwieweit sich Facebook überhaupt weiter im Volke verbreitet.

    Antworten
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  20. Evelyn

    Liebe Kollegin,
    danke für Ihre klaren Worte, denen sich jeder klar und offen denkende Kollege nur anschließen sollte! Ich bin ebenfalls der Meinung, dass -um es mit Watzlawicks Worten zu sagen- eine Kommunikation nicht nicht stattfinden kann. Jedes Handeln ist Kommunikation. Und so viel rechtliche Grauzonen und Bedenken es auch geben mag, die rechtliche Situation und das praktische Empfinden der Mandanten und somit Firmen und facebook Nutzer können und werden oft unterschiedliche Wege gehen! Es muss nur jedem klar sein, dass er manchmal auf recht wackligen Schuhen geht!
    Der Beitrag von Prof. Hoeren ist interessant und man muss sich dies auch klar machen, aber jeder muss und sollte selbst entscheiden, welchen Sinn und Nutzen er aus facebook ziehen will!
    Herzliche und kollegiale Grüße
    Evelyn Müller

    Antworten
  21. silke buttgereit

    Als die webagentin bin ich seit vielen Jahren in den Social Media unterwegs und beileibe inzwischen ernüchtert, was den Glauben ans virale Wundermarketing angeht. Der Rat, die Social Media besser gleich zu meiden, da es hier juristische Grauzonen gibt, ist jedoch selten hanebüchen. Natürlich gibt es die – und genau deswegen gibt es gesellschaftliche und politische Strukturen, deren Aufgabe oder Selbstverplichtung es ist, die Grauzonen zu beleuchten.
    Vielen Dank für diesen klugen Beitrag
    Silke Buttgereit

    Antworten
  22. Stephan A. Göbeler

    Hier ein Artikel über eine aktuelle Nivea-Kampagne mit Integration von Facebook: http://bit.ly/jSRnQu (sicher nur eins von vielen Beispielen).
    Es wäre ja einmal interessant, die Meinung der deutschen Konzerne wie z.B. der Beiersdorf AG zu diesem Thema bzw. zu Prof. Hoerens Fazit zu hören. Man sollte vermuten, dass sich dort entsprechende rechtskompetente Menschen im Vorfeld Gedanken über die Auswirkungen Ihrer FB-Beteiligung gemacht haben.

    Beste Grüße
    Stephan Göbeler.

    Antworten
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