#bloggerfuerfluechtlinge – Es ist an uns!

„Nanu!?!“ – der monothematische Social Media Recht Blog schreibt einen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte? Was hat das mit Social Media Recht zu tun? Ganz klar, gar nichts hat das mit unseren übrigen Themen zu tun. Das ist aber gerade die Idee, die hinter der Aktion #bloggerfuerfluechtlinge steht. Eine Aktion, die von  Nico LummaStevan PaulKarla Paul und Paul Huizing initiiert wurde und die auf einem einfachen Gedanken basiert „Augen auf, nicht weggucken, Mund aufmachen“. Wenn ich hier nur #heidenau erwähne, ist – so hoffe ich – jedem Leser klar, worum es geht. Falls trotzdem nicht: Die Zeitungen wie Online-Medien sind voll von gruseligen Schlagzeilen, die ein menschenverachtendes Treiben beschreiben. Kinder werden in S-Bahnen angepinkelt, in sozialen Netzwerken wird unter Klarnamen dazu aufgerufen, „dieses Pack zu vergasen“ und in einigen Gegenden scheint es sozial-akzeptabel zu sein, andere Menschen mit Steinen zu beschmeißen, ihnen den Tod an den Hals zu schreien und die Unterkunft anzuzünden. Warum? Ja, weil „das“ ja eben „Pack“ ist, was jetzt 140 EUR im Monat bei „uns“ abgreifen will.

Ich schäme mich dafür. Wie wohl viele. Und zugleich packt mich die kalte Wut. Wie auch so viele. Die Idee hinter #bloggerfuerfluechtlinge ist die, dass Menschen, die durch Ihren Blog und ihre sozialen Netzwerke eine gewissen Reichweite haben, eben diese dafür nutzen, laut Position zu beziehen gegen dieses menschenverachtende Haltung von einigen wenigen, die die Schlagzeilen beherrschen. Und zwar gerade diejenigen, die ansonsten thematisch weit ab von Asyl- und Flüchtlingsdebatten schreiben. Einfach, damit die Botschaft „Wir müssen helfen“ aus der Filterbubble getragen wird.

Ich weiß, ich bin relativ spät dran mit diesem Beitrag. Und trotzdem will auch ich, bzw. wir, die Stimme hier mit diesem Post erheben.

Es ist an uns!

Freitagabend. Ich bin auf dem Weg nach Berlin zu einer Konferenz. Der Zug besteht aus zwei Zugteilen. Umgekehrte Wagenreihung ohne Ansage. Ich renne den kompletten Bahnsteig hinunter um zu meinem Zugteil zu gelangen. Geschafft. Okay. Ich habe Hunger. Will im Zug essen. Dann die Durchsage: Das Boardrestaurant fehlt in diesem Zugteil. Es komme aber gleich ein Caddy mit Snacks und Getränken. Mhhmpff. Der Caddy kommt. Es gibt nur Sandwiches mit Pute. Und Vollkornbrot mit Schinken, Salami und Käse. Ich esse in der Regel kein Fleisch aus konventioneller Haltung. Es gibt aber nichts anderes. Ich will im Kopf gerade zu einer Tirade ansetzen, auf die deutsche Bahn, diese Umstände und das es nichts Richtiges zu essen gibt! …

… Da schleicht sich der Gedanke an die vielen Flüchtlinge derzeit ein. Bilder kommen in meinen Kopf. Von Eltern, die schwimmend verzweifelt ihre Säuglinge im Arm über Wasser halten, von Kindern die mit angstverzerrten Gesichtern durch Stacheldrahtzäune klettern. Kinder in Auffanglager, die keine Eltern mehr haben. Jungs, die Eltern und Familie zurücklassen mussten, weil das Geld nur für einen reichte, um ihm dem Schlepper mitzugeben. Geschichten von 2-jährigen, die Vätern aus den Händen gerissen und ins Meer geworfen wurden, weil sie zu laut weinten. Von Familien, die von Schleppern mitten auf Autobahnen ausgesetzt werden, mit nichts in der Hand. Gar nichts. Außer ihrem Leben – was aber viel ist, wenn Bomben und Terror oder schlicht der Hunger die Menschen, die Familie um einen herum in der Heimat getötet haben. Und wenn man diese Reise schließlich antritt, weil alles besser ist als das, was zu Hause ist. Obwohl man weiß, dass man auch auf dem Weg mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben. Nein. Verrecken wird.

Ich blicke auf das Brot. Und bin dankbar. Ich sitze im Zug. Auf dem Weg zu einer Konferenz. Meine Familie werde ich in zwei Tagen wieder in den Armen halten. Es gibt keinen einzigen Grund, sich über irgendetwas aufzuregen. Selbst dann nicht, wenn es im Zug wirklich nichts zu essen gegeben hätte. Denn ich wäre 1,5 Stunden später aus dem Zug gestiegen und hätte am Berliner Hauptbahnhof die Qual der Wahl gehabt. Was echter Hunger ist, weiß ich also sowieso nicht. An der Stelle wandern die Gedanken zu meinen Eltern.

Ich kenne keinen Krieg und keinen Hunger. Aber ich kenne Krieg aus den Erzählungen meiner Eltern. Sie sind 1936 und 1944 geboren. Mein Vater hat die Feuerstürme in U-Bahn-Schächten überlebt. Um hinterher über die Phosphor-Leichen („Klein, ganz klein, so unglaublich klein“) nach Hause zu gehen. Er hat überlebt, weil ihn ein Krankenpfleger durch ein brennendes Krankenhaus nach draußen trug.  Mein Vater war drei Jahre alt als der Krieg begann. Meine Mutter wurde in den Krieg hineingeboren. In den Hungerwintern war sie zwei und drei Jahre alt. Überlebt hat sie diese, weil ihre Großmutter auf Hamsterkäufe ins alte Land ging – unter Gefahr für Leib und Leben. Trotzdem – den Hunger haben meinen Eltern nie vergessen. Nie. Ebenso wenig wie den Terror und die Gewalt des Krieges sowie das Namenlose, was die Nachkriegszeit beherrschte.

Nun könnte man sagen, sie haben Glück gehabt. Sie waren „nur“ Kinder und sie haben überlebt. Ja, das haben sie. Aber ich frage mich gerade jetzt:

Hätten meine Eltern den Krieg nicht erleben müssen, wenn viel früher Menschen gegen Hitler aufgestanden wären? Wenn sich nicht nur ein paar Sozialdemokraten massiv gegen das Ermächtigungsgesetz gestellt hätten, sondern mehr? Wenn mehr Menschen gesagt hätten „Das geht uns was an!“?

Und damit sind wir im Hier und im Jetzt. Ich schäme mich für das, was passiert. Und es macht mir Angst, dass es offenbar Gegenden in Deutschland gibt, in denen sich der braune Mob ungehindert entfalten kann. In denen Schüler schon Angst haben, ihre Meinung – die nicht der rechten Weltanschauung entspricht – kundzutun.

Es klingt vielleicht pathetisch, aber ich finde tatsächlich, dass wir Deutschen eine besondere Pflicht haben. Zum einen uns mit aller Macht gegen jede rassistische und volksverhetzende Sch*** zu stellen. Zum anderen denjenigen zu helfen, die es schaffen, in unser friedliches, reiches Deutschland kommen.

Und zwar, ja auch aus unserer Geschichte heraus. Meine Eltern sind in Nazi-Deutschland geboren. Sie konnten nichts dafür, gar nichts. Der Nationalsozialismus war nicht ihre Idee. Und der Krieg auch nicht. Aber sie sind ausgebombt worden und hatten nichts zu essen. Und trotz der Gräuel-Taten, die die Generation ihrer Eltern begangen hat, haben sie von den Alliierten Suppe bekommen. Und später den Marshall-Plan. Grundstein unseres Wohlstandes. Oder anders ausgedrückt: Es gab Menschen, die geholfen haben – trotz allem!

Und jetzt, 70 Jahre danach, gibt es hier in Deutschland Menschen, die anderen Menschen, die aus den oben beschriebenen schlimmsten aller Situationen kommen und für die in der Regel weder sie noch die Eltern etwas können, die Hand nicht reichen!? Ihnen noch nicht mal ein Feldbett in einem stickigen überfüllten Auffanglager gönnen? Ihnen nicht mal diese Form des Durchatmens seit monatelangem Schrecken ermöglichen?

WAS IST DAS?!

Ja. Die Flüchtlingsströme sind ein großes geopolitisches Problem. Und es wird kein Spaziergang all diese z.T. stark traumatisierten Menschen hier auf- und anzunehmen. Aber die Menschen sind da. Und sie brauchen Hilfe. Vor Ort. Hier. JETZT.

Und wer jetzt irgendwas faseln will von wegen „nicht vergleichbar“, „damals“, „ganz was anderes“, „unser Sozialsystem in Gefahr“ oder ähnliches, der möge sich nur für einige, ganz wenige Sekunden vorstellen, er stünde mit seinen Kindern an der Hand, vor einem Geisterschiff, das ihn und seine Kinder und 300 andere Menschen über das Mittelmeer bringen soll. Und nach dem er sich das vorgestellt hat, verschluckt er sich hoffentlich an dem Satz „Die kommen eh nur, um 140 EUR Taschengeld zu bekommen.“.

Und jeder kann helfen. Es genügt, dass ein jeder hilft, wie er vermag. Der eine hat noch tragbare Kleidung im Schrank, die er nicht mehr benötigt. Der nächste ein Zimmer. Der übernächste hat Zeit. Und ein anderer Geld. Wenn jeder ein wenig von dem gibt, was er hat, dann kriegen wir das schon hin. Wer, wenn nicht wir in Deutschland?

Last but not least, es ist vor allem auch an uns, die Stimme zu erheben. Laut. Gegen diejenigen, die vergessen haben, in welchem Land wir Leben. Nämlich in einem Land, in dem es heißt „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

In diesem Sinne,

es ist an uns.

PS: Wenn einer von Euch/Ihnen nun auf den Link #bloggerfuerfluechtlinge klickt und dort groß unser Kanzlei-Logo prangen sieht, der wundert sich vielleicht. Nun, wir sind gefragt worden, ob wir die Initiative nicht medienrechtlich unterstützen wollen. Das wollten wir. Wir haben das gerne getan bzw. tun das auch weiterhin. Zum Dank gab es das Logo. Wofür wir uns ganz, ganz herzlich bedanken. Denn das wäre so nicht nötig gewesen!

Ein Gedanke zu „#bloggerfuerfluechtlinge – Es ist an uns!

  1. Tina

    Danke für diesen Artikel.
    Diese Worte treffen genau mein Empfinden, ich kann es nur nicht so treffend formulieren.
    Es muss gesagt und gehandelt werden. Wir dürfen diese Menschen nicht alleine lassen.

    Antworten

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